Sandalova Ekaterina

Erlebnisbericht acht Monate nach der Cochlea Implantation ihres Sohnes Vanja

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Vanja kam am 03. September 2005 als gesundes Kind zur Welt. Als er vier Monate alt war, wurde er jedoch krank. Lange Zeit konnten wir den Grund für die Erkrankung nicht finden und zwei Wochen lang versuchten wir ihn zu Hause gesundzupflegen. Erst nach zwei Wochen haben wir ihn selbst in die Klinik gebracht, wo die Diagnose gestellt wurde - Meningitis.  Zwei Wochen lag Vanja in der Intensivstation, dann noch einen Monat stationär in der neurologischen Abteilung. Danach wurde er nach Hause entlassen. Das war wie eine zweite Geburt, denn wir begannen von neuem zu lernen, wie man den Kopf halten muss, wie die Greifreflexe entwickelt werden, wir haben entsprechende Übungen gemacht. Als Vanja etwa 6 Monate alt war, habe ich bemerkt, dass er nicht auf laute Geräusche reagiert. Wenn der Hund bellte oder etwas herunterfiel, drehte er nicht einmal den Kopf. Wir haben dann absichtlich direkt am Ohr mit Töpfen Lärm gemacht - keine Reaktion.

Natürlich waren wir besorgt und haben uns an die Ärzte gewandt: an einen Kinderarzt, einen Neurologen, einen Audiologen. Im Frühjahr 2006 haben wir die folgende Diagnose gestellt bekommen: beidseitige Schwerhörigkeit der 4. Kategorie. Während seiner Krankheit hat die Infektion die Schwachstelle angegriffen - das Gehör. Als er neun Monate alt war, haben wir den Invaliditäts-Status beantragt, um Hörgeräte zu bekommen. Und seit dem Alter von neun Monaten haben wir begonnen das Kind an die Hörgeräte zu gewöhnen. Nachdem es ein Jahr alt geworden war, brachten wir es regelmäßig zu einem Sprachtherapeuten, um entsprechende Übungen zu machen. Mit den Hörgeräten hörte Vanja etwas, ein Restgehör war noch vorhanden, verständigen konnten wir uns jedoch nur mit Hilfe von Gesten und Mimik.

Von der Cochlea Implantation haben wir erstmals während der Übungen mit dem Surdopädagogen gehört. Wir hatten Glück, denn es war die Zeit, als man gerade erst begann über Cochlea Implantationen in Ufa zu sprechen. Im August 2007 wurde Vanja von dem Moskauer Arzt Paschkov untersucht. Es stellte sich heraus, dass Vanja alle Voraussetzungen für eine Cochlea Implantation erfüllte. Erstens - der Verlust des Gehörs nach einer Meningitis und zweitens - das Tragen der Hörgeräte, und zwar mindestens 6 Monate lang, er hat sie zum damaligen Zeitpunkt bereits fast ein Jahr getragen.

Am 5. Dezember 2007 wurde er operiert.  Die Operation war erfolgreich. Operiert haben baschkirische Chirurgen gemeinsam mit Moskauer Kollegen, die Operation dauerte 4 Stunden. Vanja hat das alles ausgehalten. Ende Januar 2008 wurde die erste Anpassung des Prozessors vorgenommen. Das war nun schon die dritte Geburt für Vanja, die Geburt des Gehörs! Seit diesem Augenblick hat bei Vanja das Gehöralter begonnen. Nach dem Einschalten des Gerätes kam Vanja mit vor Staunen großen Augen heraus. Es begann die Zeit der Rehabilitation, die nach einer Cochlea Implantation notwendig ist, das Lernen beim Surdopädagogen und viel Üben zu Hause. Zu Beginn war es eine schwierige Phase, Vanja schaffte es nicht, Laute zu formen, das heißt, er konnte überhaupt keine Laute formen und wusste nicht, dass man dies machen muss. Erst im Mai 2008 haben wir es zusammen mit dem Sprachtherapeuten  geschafft, dass er den ersten Laut, das "a" formen konnte.

Bis zum heutigen Tag wurden vier Anpassungen vorgenommen. Vanja versteht mittlerweile alles, das heißt im Alltagsleben muss man keine Gesten zu Hilfe nehmen. Er kennt die Wörter "Gruß", "bis bald", "spazieren". Die Wörter nimmt er durch das Gehör wahr. Wenn man ihm sagt "Gruß" winkt er dir mit der Hand. Wenn man "bis bald" sagt, antwortet er mit "a" - das "b" funktioniert noch nicht - und winkt mit der Hand. "Bis bald", "Gruß", "essen", "spazieren", "schlafen", "Wasser" - solche Wörter kennt er bereits, er weiß, was sie bedeuten, er kann sie jedoch bis jetzt noch nicht wiederholen. Er erkennt Tiere, indem er die entsprechenden Laute nachahmt:

"wau - wau" ist ein Hund, "pi -pi - pi" ist eine Maus, "op - op - op" ein Hase, "muh" eine Kuh, "bo - bo - bo" bedeutet Bär, "bi -bi" ist ein Auto. Natürlich gelingen ihm all diese Laute nicht ganz richtig, das heißt, die Hälfte erraten wir, weil er all das mit Gesten begleitet. Er bemüht sich "Mama" und "Papa" zu sagen, hat aber Probleme mit dem "P". Wir haben also den ganzen Sommer lang Luftballons aufgeblasen, auf Pusteblumen geblasen, um zu lernen, während des Blasens ein Wort zu formen.

Vanja hört mit Interesse Märchen. Er hat etwa 10 Buchstaben des Alphabets gelernt: die Vokale (o, a, i, e, ja), die Konsonanten (m, p, sch, s), er kann aus der gesamten Menge der Buchstaben diese Buchstaben herausfinden und mit dem Finger auf sie zeigen. Er kann bis fünf zählen, zeigt es mit den Fingern, er weiß, wie die Zahlen aussehen, verwechselt allerdings immer die 2 mit der 5.

Das Verhalten Vanjas hat sich nach der Operation etwas verändert, er ist genauso emotional wie er vorher war, allerdings ist er aufmerksamer geworden, er achtet mehr auf das, was um ihn herum geschieht.

Wenn wir zu Besuch bei Leuten sind, die nicht wissen, dass Vanja gerade beginnt zu hören, bemerken sie es gar nicht. Er kann vieles, manchmal sogar mehr als seine Altersgenossen, wahrscheinlich weil seine Hände sehr gut entwickelt sind. Er liebt es sehr, Gesichter zu zeichnen, spielt gerne Puzzle. In seiner Entwicklung liegt er gegenüber seinen Altersgenossen nicht zurück.

Jetzt hoffen wir, dass er mit sieben Jahren mit anderen Kindern eine normale Schule besuchen wird.

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karin-van-m-100h„Die Kinder entdecken ihre Welt ganz neu – dies ist für mich immer wieder ein Wunder“

Dr. h.c. Karin van Mourik, Präsidentin der Stiftung „Die Welt Hören“